Mein erstes Buch
Ich habe schon immer gern gelesen – sogar, bevor ich richtig lesen konnte. Ich kann mich noch sehr gut daran erinnern, dass ich bereits vor meinem Schuleintritt Bücher in die Hand nahm und mit meinem Zeigefinger über die Buchstaben fuhr, die für mich damals noch rätselhafte Zeichen waren. Mit ernsthaftem Gesicht murmelte ich Sätze vor mich hin, die mir spannend genug erschienen, um als Geschichte gelten zu können.
Wenn ich in meinem Erzählfluss ins Stocken geriet, hielt ich den Finger kurz an, gönnte ihm eine Pause und fuhr erst wieder fort, wenn ich entschieden hatte, wie es in meinem Abenteuer weitergehen sollte.
So las ich alle möglichen Bücher, wobei für mich so ziemlich jedes zusammengeheftete Bündel von Blättern als Buch galt – vom Prospekt eines Reisebüros über die Informationsbroschüren beim Kinderarzt bis hin zu Zeitschriften und Zeitungen. Romane gab es bei uns zu Hause wenige, Sachbücher noch weniger. Das änderte sich erst im Laufe der Zeit, wobei ich die treibende Kraft hinter diesem Wandel war.
Als ich von meiner Mutter mein erstes Buch zu meinem siebten Geburtstag geschenkt bekam, war das für mich ein ganz besonderer Tag. Ab diesem Zeitpunkt war ich dem Lesen endgültig verfallen. Zu den von mir erfundenen Geschichten kamen jetzt all die Geschichten hinzu, die sich andere ausgedacht hatten. Und das Schönste daran war: Die Geschichten endeten nie mit dem letzten Satz im Buch. Das letzte Wort hatte immer meine Fantasie, die fortlaufend neue Abenteuer produzierte.
Heute stehen mehr als 2.000 Bücher in meiner Bibliothek. Der Moment, in dem ich mein erstes eigenes Buch in den Händen hielt, wird mir aber als einer der aufregendsten Momente in meinem Leben in Erinnerung bleiben.
Die Tür, die ich damals geöffnet habe, ist noch lange nicht geschlossen.