Robert Bigler

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Verwirrte Köpfe

Es ist kalt. Fast schon so kalt wie früher im Dezember. Im echten Winter – vor dem Klimawandel.

Irgendwo schreibt sicher bald wieder jemand über den Klimawandel-Schwindel.

Die lügen doch wie gedruckt – sagt einer vom anderen. Die Lügenpresse und die Verschwörungstheoretiker bleiben sich nichts schuldig. Nehmen sich fortlaufend gegenseitig ins Visier.

Bei so viel Schwindel wird einem auch im Kopf ganz schwindlig.

Mir ist kalt.

Ich bin froh, dass ich meinen Schal mitgenommen habe. Ich binde ihn mir um, noch bevor ich aus dem Auto aussteige. Ich sitze am Beifahrersitz. Den Führerschein besitze ich seit beinahe vierzig Jahren. Aber ich bin nur ein Jahr gefahren. Ich wollte nicht eines Tages aus einem Autowrack gezogen werden. Ich war ein schlechter Fahrer. Die Entscheidung, nicht mehr zu fahren, war gut. Gutes und Schlechtes liegt oft sehr nahe beieinander.

»Verflixt, ich habe die Parkuhr vergessen», zischt es aus dem Mund meines ältesten Bruders. Der kalte Hauch stolpert seinen Worten hinterher.

Er ist verärgert – und traurig. Ich bin nur traurig. Parkuhren zählen nicht zu den Begleitern meines Lebens – meine Tante hingegen schon. Und die ist jetzt tot.

Wir sind zu ihrem Begräbnis unterwegs. Eigentlich sind wir schon da. Angekommen. Am Friedhof. Ihr Weg ist noch ein weiter. Uns fehlen nur noch ungefähr 100 Meter zur Aufbahrungshalle.

Wie geht es sich eigentlich als Asche? Meine Tante wurde verbrannt. Oder sagt man kremiert? Für ihren Körper ergibt das keinen Unterschied. Für meine Trauer auch nicht. Ich vermisse sie. Sie war eine gute Tante – eine sehr gute.

»Zwei Stunden lang darf man ohne Parkuhr stehen bleiben», sage ich zu meinem Bruder. Er atmet erleichtert auf. Sein Ärger ist verflogen – die Trauer bleibt. Ich staune über mich selbst. Weil ich diese Information einer kleinen Tafel mit einer noch kleineren Aufschrift entnommen habe, wo ich doch mit meinen Gedanken eigentlich ganz woanders bin.

Bei ihr. Bei Tante Rosa. Bei meiner Kindheit. Als ich sie das erste Mal traf.

»Das ist die Frau von Onkel Bernd.» So stellte mein Vater sie damals mir und meinen zwei jüngeren Brüdern vor. Meine drei älteren Geschwister wussten über den Neuzugang in der Familie schon Bescheid. Wir wurden zum Schluss eingeweiht. Widerspruchsrecht hätten wir ohnehin keines gehabt – und Grund zum Widerspruch noch weniger.

»Kommt Kinder, wir gehen ins Gasthaus.» Und schon nahm uns Tante Rosa an der Hand. Eigentlich nur zwei, der Dritte – ich erinnere mich nicht, wer von uns Dreien das war – kam als Anhängsel mit. Eine Kinderhand in der anderen. Angekuppelt. Wie einer unserer Wohnwagen an einen PKW.

Wir waren Reisende. Fahrende. Schausteller. Meine Tante war eine Roma. Ist sie heute noch. Über ihren Tod hinaus. Der Asche sieht man das sicher nicht an. Ihr haben es die Leute immer angesehen. Manche haben dann weggeschaut. Den Blick von ihr abgewandt.

Sie blieb trotzdem die, die sie war. Eine schöne, eine herzliche Frau.

Und eine Frau, die uns Kindern am ersten Tag, an dem wir sie trafen, Schokolade kaufte. Die gute – die von Bensdorp. Ich suchte mir die aus, die um das silberne Stanniolpapier eine grüne Schleife umgewickelt hatte. Grün war die Farbe für Haselnuss. Ich liebte Haselnuss – und ich liebte meine Tante Rosa.

Das Telefon klingelt, ich greife instinktiv in meine Jackentasche. Dabei ist der Klingelton ein ganz anderer. Die Stimme, die dem Anrufer antwortet, ist nicht meine Stimme. Sie gehört Vera. Ich verstehe nicht, was sie sagt. Sie spricht Romanes. Sie ist die Schwägerin meiner Tante. Meine Tante sprach Jenisch mit mir. Das verstehe ich. Romanes nicht. Meine Tante auch nicht.

»Das verstehen fast nur unsere Leute im Burgenland,» erklärt mir später Vera. Tante Rosa war eine Oberösterreicherin. Wir sind in Enns – hier wird sie begraben. Gelebt hat sie meist woanders. Meine Tante sprach wunderbares Oberösterreichisch. »Nixie» – eines meiner Lieblingswörter. Nichts wird nie mehr so vielversprechend klingen.

Ich mag Vera. Sie ist nett, freundlich – ich kenne sie kaum. Ich habe sie das letzte Mal bei einem anderen Begräbnis gesehen. Bei dem meiner Mutter. Die sprach auch kein Romanes – sie war Artistin. Später heiratete sie einen Schausteller. Meinen Vater.

Wir warten auf die Tochter von Vera. Ihr Name fällt mir gerade nicht ein. Ich habe ein schlechtes, nein, ein miserables Namensgedächtnis. Dafür merke ich mir Vokabeln gut. Ich bin Dolmetscher. Schon seit mehr als dreißig Jahren. Aber die Vergangenheit kann ich nicht dolmetschen – zumindest nicht so, dass sie für mich in der Gegenwart immer Sinn ergeben würde.

Ich bin ein Bürgerlicher geworden. Mein ältester Bruder auch. Er hat die Verwandlung innerlich noch immer nicht ganz abgeschlossen. Meine Metamorphose ist so weit gegangen, dass ich mich manchmal selbst nicht mehr erkenne – in den Geschichten von früher.

»Schön war sie schon die alte Zeit. Als wir noch herumgefahren sind. Der Zusammenhalt. Das freie Leben.»

Über die Schläge, die vor allem die Männer austeilten, das karge Einkommen, die Kälte in den Wohnwagen im Winter, das ständige Fremdsein, reden wir erst später.

Die Tochter von Vera ist bildhübsch, klug, offenherzig. Sie nennt mich Onkel, obwohl wir eigentlich überhaupt nicht verwandt sind. Sie selbst ist keine Reisende, sie arbeitet in einem Büro. Liebt ihre Arbeit. Wir wechseln ein paar Worte auf Jenisch. Dann kehre ich sprachlich in die Gegenwart zurück. Passanten gehen an uns vorbei. Ich bin das Fremdsein nicht mehr gewöhnt. Schließe an einen jenischen Satz sofort einen Schwall an bürgerlicher Sprache an.

Ich bekenne mich – ich gehöre jetzt zu euch. Und bleib trotzdem immer einer von den anderen.

Es kommen immer mehr Leute und man sieht ihnen die Blutsverwandtschaft zu meiner Tante an. Sie verbergen sie nicht. Die Älteren unter ihnen ziehen vor meinem Bruder den Hut – bis ich sie grüße, haben sie ihn wieder aufgesetzt. Vera muss mich vorstellen. »Das ist ein Bub vom Walter.» »Ah, vom Walter. Lebt auch nicht mehr, oder?»

Nein, er lebt auch nicht mehr – mein Vater. Sein Bekanntheitsgrad reicht bis über den Tod hinaus – immer mehr Trauergäste begrüßen mich freundlich: »Ah, ein Bua vom Walter.»

Vera erzählt mir, dass ihre Tochter von Teilen ihrer Familie angefeindet wird, weil sie so viele ausländische Freunde hat. Vor allem die Türken will keiner. Noch weniger beliebt sind nur die Tschetschenen, die ihr beim Umzug geholfen haben.

»Was willst du mit deinen Ausländern? Mit denen kannst dich schleichen!»

»Die sind so blöd. Die wählen alle rechts. Dabei sind wir Zigeuner die Ersten, die dann weg sind.» Vera sagt Zigeuner – weil keiner weiß, was eine Roma ist, wenn sie das zu erklären versucht. Mein Bruder sagt: »Ihr seid keine Zigeuner, das sind ganz andere Leute.»

Ich halte dagegen. Er glaubt mir nicht und ich hole google zu Hilfe. Er glaubt mir noch immer nicht. Ich will nicht streiten. Meine Tante war eine Zigeunerin – sie hat es mir selbst gesagt. Roma hätte für mich als Kind ohnehin zu sehr nach Oma geklungen.

Ich war auch ein Zigeuner – für die anderen. Für die Schulkinder, die das Wort verwendet haben, als wir mit dem Schulbus an unserem Grundstück vorbeigefahren sind, auf dem unsere Wohnwagen aus Holz standen.

Zigeuner, Zigeuner! Ich lief mit meinen kurzen Beinen den Rufen davon – direkt in die Arme meiner Mutter.

»Mama, sind wir wirklich Zigeuner?»

Waren wir nicht. In den Augen der anderen blieben wir es trotzdem. Dann bauten meine Eltern ein Haus, wir wurden zu Halbnomaden. Der Zigeuner verschwand aus den Zurufen.

Die Verabschiedung beginnt. Wie kann so viel Leid in so eine kleine Urne passen? Meine Tante starb an Krebs. Sie litt an starken Schmerzen – auf dem Bild neben der Urne lächelt sie. Da war sie auch noch nicht tot.

Ich fühle mich seltsam fremd. Fast so fremd wie die Jugendlichen, denen man ansieht, dass sie – so wie ich früher – zwischen zwei Welten stehen. Die Sitzplätze sind für die Älteren. Traditionen werden großgeschrieben – auch bei einem Begräbnis im kleinen Kreis.

Sie sind gekleidet wie die Jugendlichen, die wir in der Innenstadt gesehen haben. Sie sprechen Dialekt. Ich höre ein paar jenische Wörter – vielleicht auch ein bisschen Romanes. Ich bin mir nicht sicher. Und viel Oberösterreichisch und Burgenländisch.

»Du mit deinen Ausländern!»

Das höre ich manchmal auch. Wenn ich mit Geflüchteten arbeite. Wenn mich jemand fragt, ob ich noch bei Sinnen wäre, als Schwuler mit Muslimen zu reden. Ob ich denn nicht wüsste, was die mit einem wie mir machten.

»Wirst schon sehen, wenn das so weitergeht, dann …»

Den Rest höre ich meist nicht mehr, weil ich mein Hörgerät heimlich ausgeschaltet habe. Ich bin seit ein paar Jahren auf dem rechten Ohr fast taub. Das verschafft mir zwischendurch eine Verschnaufpause – von all dem Unsinn.

Das linke Ohr ist gesund – das rechte hat den Geist aufgegeben. Vielleicht, weil so viel Mist von Rechts gekommen ist. Mein Lebtag lang.

Wir fahren nach Hause. Tante Rosa ist begraben. Ihre Urne liegt jetzt unter der Erde. Sie habe ich mitgenommen. In meinen Gedanken, meinen Erinnerungen.

»Der Robert ist wie ein Zigeuner», hat eine Bekannte einmal gesagt. Sie meinte es nicht böse. Ich hab es ihr auch nicht übel genommen. Sie meinte damit, dass ich ständig unterwegs bin. Ein unsteter Geist, der seinen Körper schon auf mehrere Kontinente geschleppt hat.

Kein Wunder, dass mir manchmal schwindlig wird. Nicht nur wegen meiner Ménière-Erkrankung. Die Welt dreht sich immer weiter – und ich mich mit ihr.

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