Robert Bigler

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Abschied

Da bist du ja. Ist an der Zeit, dass du dich blicken lässt. Hab schon gedacht, du lässt mich einfach sitzen. Das hätte ich dir übel genommen. Weil sich so was nicht gehört. Nicht, nachdem man schon so weit gegangen ist wie wir zwei. Und du weißt ja, ich geh jeden Tag ein paar Kilometer zu Fuß zu unserem Treffpunkt.

Weil ich nicht will, dass uns die anderen auf die Spur kommen. Darum schlag ich auf meinem Weg zu dir immer ein paar Haken. Wie ein Feldhase.

Und mit jedem Schritt werd ich aufgeregter. Egal, ob’s regnet oder die Sonne so herunterbrennt, dass sich meine Glatze wie eine von den alten Herdplatten in meiner Hütte anfühlen würde, wenn ich keinen Hut aufhätte.

Der Hut gehört bei mir dazu. Das ist so Tradition bei uns in der Familie. Das hat mein Vater so gemacht und vor ihm seiner und vor dem alle anderen, die von solchen wie dir einfach nicht losgekommen sind.

Wenn’s nur mehr ein paar Minuten bis zu unserem Treffpunkt sind, werden meine Hände glitschig. Dann muss ich sie mir an meiner Jacke abwischen. Die hat schon allerhand miterlebt. Der ist das egal. Die graust sich vor fast nichts mehr.

Ich könnt natürlich auch ein Taschentuch verwenden. Das wäre vielleicht feiner – aber das würde zu uns nicht passen.

Unsere Beziehung ist anders. Die braucht dieses Getue nicht. Wir müssen uns nichts vorspielen. Wir wissen, worauf’s bei uns beiden ankommt.

Einmal, als du dich verabschiedet hast, da hab ich das Gefühl gehabt, dass uns wer beobachtet. Als ob du jemanden mitgebracht hättest, der sich versteckt hat. Da war mir nicht ganz wohl dabei. Weil das zwischen dir und mir was Besonderes ist. Da soll sich kein Dritter einmischen. Weder einer von deinen noch einer von meinen.

Wobei, ein richtiger Abschied war das ja an dem Tag nicht, weil du verschwunden bist, als ich mich gerade gebückt hab, um mir meine Schuh zuzubinden. Als ich wieder aufgeschaut hab, warst du schon fort. Sonst legst du deinen Kopf immer noch kurz zur Seite, bevor du gehst. Schaust mich an mit deinen Augen, als ob du durch mich hindurchschauen wolltest.

Geärgert hab ich mich dann schon ein bisschen – damals. Da war der ganze Tag für mich dahin. Das war eine verpatzte G’schicht. Jetzt ist der Ärger wieder verflogen. Bei uns hält so ein Zwist nicht lange an. Das spricht für uns. Meinst du nicht?

Obwohl, so richtig weiß ich natürlich nicht, wie du das siehst. Du bist ja noch schweigsamer als ich und das will was heißen.

Jedenfalls hab ich noch keinem von uns erzählt. Es muss nicht gleich jeder Bescheid wissen. Da kommt nur Neid auf. Den kann ich nicht brauchen. Später einmal, da ist der Neid eine Auszeichnung.

Weil sie dich auch gern gehabt hätten. Das weiß ich jetzt schon. Dann werden sie so tun, als ob du die ganze Mühe ohnehin nicht wert gewesen wärst. Das frühe Aufstehen, den langen Fußmarsch, die Warterei.

Runtermachen werden’s dich. Und mit jedem Wort, das sie über dich verlieren, wird ihre Wut auf mich größer werden, weil ich ihnen zuvorgekommen bin.

Jeder von denen hätte gern beim Stammtisch oder beim nächsten Kirtag mit dir geprahlt. So ist das in einem Dorf. Wenn niemand über dich redet, kannst du dich gleich auf den Friedhof legen. Das ist so, als ob’s dich gar nicht geben würde – nie gegeben hätte.

Der Tratsch im Dorf ist fürs Überleben so wichtig wie die Luft zum Atmen.

Über uns zwei werden’s noch lang reden. Auch dann, wenn der Neid wieder verflogen ist. Weil sie dann begriffen haben, dass sie einfach zu spät dran waren. Dann haben wir’s schon hinter uns gebracht.

Dann nehme ich dich nach Hause, zu mir. Dort trag ich dich über die Schwelle. Wie sich das gehört.

Keine Sorge, wenn’s endlich soweit ist, fahren wir nach Hause. Mit dem Auto. Zu Fuß wäre das dann doch zu weit. Das Auto lass ich immer bei dem Parkplatz bei der Quelle stehen, gleich neben dem Stanzl-Wirt. Der hat nichts dagegen, dass ich mich hinstelle, auch wenn ich bei ihm nichts konsumiere. Wir kennen uns schon Ewigkeiten, der Stanzl und ich.

Aber zwischen dem und mir ist das anders als zwischen uns beiden. Wir zwei kennen uns zwar noch nicht so lange, aber dafür ist unsere Beziehung tiefer.

Du verstehst mich, ohne dass ich was sagen muss. Ich schau dir in die Augen und weiß, das kriegen wir hin – wir zwei. Das hab ich schon beim ersten Mal gewusst, als ich dich gesehen hab.

Wie du dagestanden bist – fast majestätisch. Klingt blöd, ich weiß. So kitschig. Stimmen tut’s trotzdem. Die Wahrheit stimmt immer, auch wenn selten einer dran glaubt.

Seit fast einem Monat komm ich jetzt schon jeden Tag hierher. Nach dem ersten Treffen hast du dich noch geziert. Hast so getan, als hättest du es nicht auch gespürt – dass wir füreinander bestimmt sind. Dass aus uns was werden könnte – was werden wird.

Aber ich hab mich von dir nicht täuschen lassen. Hab gleich gemerkt, dass du mich nur gängelst. Wolltest wohl wissen, wie ernst es mir mit dir ist.

Mir ist es ernst, sehr ernst – todernst. Sonst hätte ich nicht meine Büchse dabei. Wenn ich die früh am Morgen aus dem Schrank nehme, könnte ich schwören, dass die genauso aufgeregt ist wie ich. Sie weiß auch, dass du was Besonderes bist.

Groß und stark, mit einem Geweih, für das ich die halbe Wand brauchen werd, wenn ich’s mir in die Stube hänge. Gleich gegenüber vom Herrgottswinkel. Du und der Herrgott, ihr könnt euch dann genauso in die Augen schauen wie wir zwei das machen. Aber ich muss dich warnen – der ist noch schweigsamer als ich.

So, mein Lieber, genug gedacht – zum Reden war uns beiden sowieso nie zumute. Worte hat’s bei uns nie gebraucht.

Noch schnell einmal die Hände abgewischt – ich hab’s dir ja gesagt. Wenn ich dich sehe, wie du so vor mir stehst, mich anschaust mit deinen Augen und dabei zwischendurch den Kopf bewegst, dass dein Geweih die Luft um dich herum aufwirbelt, dann krieg ich richtig Herzklopfen.

Wie bei meiner ersten Liebe. Die hat nicht viel länger gehalten als unsere Bekanntschaft. Sie hat mich damals einfach stehen lassen. Im Schulhof – vor allen anderen Buben. Das hab ich ihr die ganzen Sommerferien über nicht verziehen.

Im Herbst hat mich dann der Vater das erste Mal auf die Jagd mitgenommen. Da hab ich gemerkt, dass nicht nur die Liebe das Herz zum Pochen bringt, sondern auch der Tod.

Am Ende kommt’s aufs Gleiche hinaus. Die Liebe ist nur die Vorstufe, über die die meisten in den Tod hineinstolpern.

So ist’s recht. Bleib so stehen. Genau so. Das wird ein Plattschuss. Du wirst nichts spüren, also nicht allzu viel. Das verspreche ich dir. Ganz schnell wird’s gehen. Wie ein Stich ins Herz. Nur eben mit einer Kugel.

Warum schaust du mich so eigenartig an? Als ob du Mitleid mit mir hättest. Ich glaub, du verkennst die Lage. Was machst du da mit deinen Nüstern? Ja, ich sehe das alles. Wozu glaubst du, hab ich meinen Fernstecher mit?

Aber jetzt nehme ich die Büchse in die Hand. Wie mächtig du im Zielfernrohr wirkst. Du bist einfach der Größte. Der größte Bock, den ich je geschossen habe.

Da … Blut … wie fein es vor sich dahin rinnt, wie ein Bacherl im Frühling nach der ersten Schneeschmelze.

Dabei habe ich noch gar nicht geschossen. Und doch sehe ich das Blut ganz genau. Ich spür’s sogar. Ich schmeck’s – in meinem Mund.

Sakrament … das rinnt mir aus der Nase. Und was ist das überhaupt für ein Druck in meinem Kopf? Woher kommt der plötzliche Schwindel? Ganz schummrig wird mir. Jetzt ist mir schwarz vor den Augen.

Die Büchse ist auf den Boden gefallen. Gleich mach ich’s wie sie. Hast du deshalb so eigenartig dreingeschaut? Bist du deshalb heute so spät gekommen?

Weil du gewusst hast, dass das heute ein echter Abschied wird?

Ich seh dich nicht mehr … saukalt ist der Bretterboden auf so einem Hochsitz. Viel kälter wird’s hoffentlich unter der Erde auch nicht sein …

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