Das Glück ist ein Vogerl
»Und nun die Gewinnzahlen für diese Woche.»
Er reparierte gerade den Duschkopf im Badezimmer, als er die Frauenstimme in seinem Kopfhörer wahrnahm. Sie klang freundlich, fast zutraulich. Er hörte schon seit Jahren nur mehr mit diesem Ding auf seinem Kopf fern – fürs Hinschauen war ihm meist die Zeit zu schade.
Marsianer müsste man sein, dachte er sich. Die haben uns sicher einiges voraus. Können angeblich Gedanken lesen. Die wüssten jetzt auch, welche Zahlen heute gezogen werden. Glückszahlen. Damit das Glück fassbarer wird: Eins … das gibt’s doch nicht, seit wann wird die Eins gezogen …?
Die nächste Zahl lautet Dreiundzwanzig … verdammt, hat sie Dreiundzwanzig oder Zweiundzwanzig gesagt?
Er schraubte am Duschkopf weiter. Er hatte diese Arbeit schon viel zu lange vor sich hergeschoben. Das hatte nichts mit Glück zu tun, das war Nachlässigkeit. Seine Nachlässigkeit. Von Glück konnte er nur reden, weil ihm der Duschkopf noch nicht aus der Halterung auf den Kopf gefallen war.
Mist … jetzt hatte er die dritte Zahl überhört.
Dann würde er später eben doch noch den Computer starten und einen Blick ins Internet werfen. Igitt … was hatte sich da alles im Duschkopf angesammelt? Wirkte wie Schleim … da waren sie wieder die Marsianer. In seinem Kopf – und seinem Duschkopf. Die werden in Science-Fiction-Filmen doch immer so dargestellt: mit unförmigen Köpfen und abstrusen Öffnungen, die als Mund fungieren, aus dem eine schleimige Masse tropft.
Vielleicht flüsterte ihm der verkalkte und verschmutzte Duschkopf gerade die Gewinnzahlen für die nächste Woche ins Ohr.
Diesmal würde nichts aus dem Sechser werden. Die Eins hatte er nicht angekreuzt. Wer machte denn so etwas? Als ob das eine Gewinnzahl wäre. Die steht ja ganz am Anfang. Da folgen ja noch unendlich viele Zahlen danach. Natürlich nicht beim Lotto. Da hörten die Zahlen bei 45 auf. Aber am Anfang ist selten was gut. Heute schon. Und er hatte wieder eine Chance verpasst.
Die Tür vom Badezimmer in den Gang hinaus, der zum Wohnzimmer führte, begann sich zu bewegen. Wieder etwas, was er endlich in Ordnung bringen sollte – musste.
»Die Türen gehen ständig von selbst zu. Da stimmt doch was nicht.»
Sein Einwand fiel auf taube Ohren. Der Handwerker war von seiner Arbeit überzeugt. »Das geht nicht besser. Da stimmt was mit dem Rahmen nicht. Dafür bin ich nicht zuständig. Die Tür passt.»
Und dann war er weg. Die Tür hat er dagelassen. Jetzt schließt sie ständig von selbst. Ganz langsam, als ob sie sich selbst dafür schämen würde. Weil sie sich als fehlerhaft erkannt hatte.
Wer sagt’s denn! Der neue Duschkopf sah viel besser aus. Saß wie angegossen. Er verspürte Lust, ihn auszuprobieren. Ließ es dann aber doch lieber sein. Als Kind war er im Sommer gerne im Regen spazieren gegangen. Seine Mutter schimpfte dann mit ihm, wenn er patschnass ins Haus kam. Heute hätte keiner mit ihm geschimpft. Aber es war nicht Sommer.
Er bückte sich, hob den alten Duschkopf auf und steckte ihn in die Verpackung vom neuen. Der passte sogar hinein. Ein kurzer Blick auf die Produktbezeichnung bestätigte seinen Verdacht. Er hatte wieder das exakt selbe Modell gekauft.
Dabei hatte er dem Verkäufer doch erklärt, dass er mit dem alten Modell nicht zufrieden war. Das erinnerte ihn an die Tröpferlbäder, die es früher in Wien gegeben hat. Da kam er sich unter der Dusche wie ein Bittsteller vor: »Bitte, mach schon! Schick mir ein paar Tropfen runter!»
Er hätte sich vielleicht doch für ein teureres Modell entscheiden sollen. Das hatte ihm der Verkäufer auch vorgeschlagen, aber ihm waren diese Neonfarben nicht ganz geheuer. Der Duschkopf war nur im Set mit jeder Menge unnützem Zeug zu erstehen. Für ihn unnützem Zeug. Ein halbes Dutzend unterschiedlicher Einstellungen für den Wasserstrahl. Auf einer Abbildung war sogar ein Hintern schemenhaft dargestellt. Sollte er etwa in der Dusche den Schmutz von der Toilette loswerden? Die Leute wurden auch immer dümmer.
Deshalb wollten sie auch ihn ständig für dumm verkaufen. Aber so leicht war er nicht um den Finger zu wickeln. Und ging wieder mit dem exakt selben Modell nach Hause.
Vielleicht hatten sie ja doch etwas geändert. Das machten die doch immer wieder mal. Dass sie einem dasselbe für etwas anderes verkauften. Sein Lieblingseis schmeckte schon seit einiger Zeit nicht mehr so wie früher. Dafür war es teurer geworden.
Was schmeckt, sollte man sich auch etwas kosten lassen – nur, dass das Eis eben nicht mehr so schmeckte wie früher.
In der Arbeit lief das ähnlich. Beförderung nannten sie es. Jetzt zogen sie ihm sogar mehr Steuer von seinem Gehalt ab als früher. Unterm Strich bekam er weniger raus. Dafür hatte sein neues Büro Fenster. Nicht nur eins, sogar zwei. Öffnen konnte er sie nicht. Das lag aber nicht an ihm. Es gab keine Fenstergriffe. Nicht einmal kippen konnte man die Fenster. »Reine Vorsichtsmaßnahme», hatte der Architekt gesagt.
Dabei war sein Büro im ersten Stock. Wer sollte sich von dort auf die Straße stürzen? Noch dazu auf den Parkplatz des Chefs. Für die Sauerei hätten sie ihm sicher was vom Gehalt abgezogen.
Das Chefbüro war im vierten Stock. Dreimal so groß wie seines, hatte sogar einen Balkon und Terrassentüren. Da machte es nichts, dass man die Fenster nicht öffnen konnte. Der Chef hatte ohnehin keinen Grund sich von irgendwo hinunterzustürzen. Solange seine Aktienkurse nicht ins Bodenlose fielen.
Dann würde die gesamte Firma mitfallen. Und er würde sich vielleicht doch noch überlegen, ob sich ein Sprung aus dem ersten Stock auszahlt. Durchs Sicherheitsglas hindurch. Während sein Chef irgendwo auf den Bahamas Urlaub machen würde.
Die Stimme kannte er doch? Ach ja, das war seine Lieblingsserie. Aber nur deshalb, weil es die einzige war, die er sich im englischen Originalton anschauen konnte. Anfangs dachte er noch, mit der Satellitenschüssel holte er sich die Welt ins Haus. Bis er drauf kam, dass die Schüssel falsch ausgerichtet war. Wenn er fremdsprachige Sender haben wollte, müsste er auf die meisten deutschsprachigen verzichten.
Das erschien ihm dann doch zu waghalsig. Der Nachbar hatte ihm einen Streamingdienst empfohlen. Dafür müsste er aber wieder extra zahlen. Das war ihm bisher noch kein Fernsehprogramm wert gewesen.
Sein Englisch war gar nicht so schlecht. Besser als damals in der Schule. Da kam er gerade so durch. Jetzt verstand er vieles von dem, was er selbst noch immer nicht sagen konnte. Er war schon immer eher ein Passiver gewesen. Das behauptete zumindest seine erste Frau. Die zweite blieb nicht einmal lang genug, um diese Seite an ihm zu entdecken.
Manchmal hatte man eben Pech. So wie heute bei den Lottozahlen. Wieder nichts! Er hatte die Zahlen zur Sicherheit zweimal eingetippt. Der Computer blieb bei seiner Antwort. Starrsinn machte sich offenbar bezahlt. Nur nicht für ihn. Er setzte immer wieder auf dieselben Zahlen.
Das Glück ist wie ein Vogerl – er wusste gar nicht, ob das ein gängiges Sprichwort war oder aus einem der uralten Lieder stammte, die sein Vater sang, als sie noch gemeinsam zum Heurigen gingen. Das Vogerl ist ausgeflogen – und der Vater gestorben.
Vielleicht ließ sich deshalb bei ihm das Glück so selten blicken.
Dabei könnte morgen alles ganz anders sein. Das hatte auch sein Vater immer zu ihm gesagt. Nachdem er seine Arbeit verloren hatte. Mit knapp fünfzig Jahren. Jetzt war er selbst fast so alt wie sein Vater damals.
Seinen Job hatte er aber noch. Und morgen würde er den Duschkopf doch zurückbringen. Er hatte gerade in seinem Kopfhörer ein Vogerl zwitschern gehört. Diese Chance konnte er sich nicht entgehen lassen.
Das Glück war ein Vogerl.