Robert Bigler

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Ausflug

»Da liegt einer!»

»Wo?!», fragte ich – eigentlich schrie ich das hinaus. Ich bremste ab, so heftig, dass ich fast kopfüber zu Sturz kam. Peter, der hinter mir gefahren war und mich gewarnt hatte, fuhr beinahe auf mich auf. Im letzten Moment riss er sein Lenkrad herum und kam neben mir zu stehen.

Auf seinem italienischen Rennrad sah er aus wie ein Profi, ich hatte am Vortag das Erbstück meines Vaters aus dem Schuppen geholt. Wir waren ein ungleiches Paar, und trotzdem seit mehr als zwanzig Jahren befreundet.

Was mir an Sportgeist und körperlicher Ausdauer fehlte, machte ich durch Loyalität wett.

»Hey, was ist passiert? Hallo! Hörst du mich?!»

Peter kniete jetzt neben dem Mann – eigentlich war das noch ein Bursche, ein ziemlich junger. Das sah man ihm an, obwohl seine Haut ganz bleich war.

»Wo kommt der denn her?»

Ich blickte mich verwundert um. Wir standen mitten auf einem Radweg. Befanden uns auf einem dieser Streckenabschnitte, die bei schönem Wetter schon fast einer Autobahn glichen. Heute war den meisten offenbar zu kalt, eine halbe Stunde zuvor hatte es sogar zu regnen begonnen.

Während ich kurz stehen geblieben war, um meine Regenjacke rauszuholen, war Peter einfach weitergefahren. Den Kopf noch näher an seine Brust gezogen, trat er so heftig in die Pedale, dass ich das Gefühl hatte, er wollte jedem einzelnen Tropfen eins übers Dach ziehen.

»Mit mir nicht! Ihr versaut mir den Ausflug nicht!»

Mit seinen Radlerhosen sah das bei ihm auch ziemlich pfiffig aus. Sogar im Regen. Ich blieb bei meinen Jeans. Wenn die nass werden, fühlen sie sich wie eine volle Waschtrommel feuchter Kleidung auf meinen Oberschenkeln an.

»Mit so was kannst du doch nicht Rad fahren, spinnst du!», meinte Peter, als er mich bei der nächsten Wegkreuzung in Empfang nahm. Jetzt kam mir der Regenschutz zugute – also eigentlich dem unbekannten Burschen auf dem Boden.

»Da, nimm das, deck ihn zu. Sollten wir ihn nicht in die Seitenlage bringen? Der atmet doch hoffentlich noch, oder?»

Seit Monaten hatte ich mir vorgenommen, meine Erste-Hilfe-Kenntnisse aufzufrischen. Seit bei einer Busfahrt in der Stadt eine ältere Frau umgefallen war und alle anderen Passagiere nur blöd dreingeschaut hatten. Abgesehen von denen, die noch schnell ein Video ins Netz stellten. Wäre der Busfahrer nicht gewesen, wer weiß wie das ausgegangen wäre.

»Hast du dein Handy dabei? Ruf die Rettung an. Der atmet zwar noch, aber sonst reagiert der nicht und schau mal, der hat da einen Fleck an der Schläfe. Scheiße, da ist auch Blut …»

Noch immer keine anderen Radfahrer weit und breit. Das war schon fast unheimlich. Links und rechts dichtes Gebüsch, dahinter ein kleiner aufgeforsteter Wald und irgendwo die nächste Stadt oder ein kleines Dorf.

Wir waren in der Pampa. Zwei Gauchos auf ihren Drahteseln und der Bursche vor uns rührte sich noch immer nicht. Peter hatte ihn in die stabile Seitenlage gebracht. Offenbar war er mir mit dem Auffrischungskurs für die Erste Hilfe zuvorgekommen.

»Mist, mein Akku ist leer!»

»Das gibt’s doch nicht! Fährst einfach mit einem leeren Akku fort!» Dabei hatte er nicht einmal ein Handy dabei.

»So was kann ich beim Sport nicht brauchen. Da muss ich mich konzentrieren können.»

Für Peter war der Ausflug Sport, sein Training. Ausflug hatte er das nur meinetwegen genannt, damit ich nicht gleich von vornherein absagte.

Mir zuliebe hatte er sein Tempo auch ordentlich gedrosselt. Nur zwischendurch legte er ein paar Sprints ein – und wartete dann irgendwo fünfzehn Minuten auf mich. Aus Freundschaft.

»Was machen wir denn jetzt?»

Langsam wurde ich nervös. Langsam nur deshalb, weil ich mir vor Peter keine Blöße geben wollte. Eigentlich war ich in Panik. Das wirkte alles schrecklich vertraut. Auch wenn es schon Ewigkeiten her war.

Ich war ungefähr acht Jahre alt gewesen. Eine andere Zeit war das. Vor dreißig Jahren. Aber mein Herz raste damals genauso wie heute. Mein Puls spielte genauso verrückt wie heute. Ich hatte mich zu einem jüngeren Buben hinuntergebeugt. Der lag am Ufer eines Schotterteichs, zu dem ich regelmäßig mit meiner Familie zum Baden ging. An dem Tag war ich aber alleine. Zumindest dachte ich das. Es war ein verregneter Tag.

»Spinnst du? Wer geht denn beim Regen baden.» Das sagten meine zwei älteren Brüder.

»Das kommt ja gar nicht in Frage. Bei einem Gewitter ist das viel zu gefährlich», sagten meine Eltern, nachdem die ersten Blitze aus den Wolken wie Harpunen geschossen kamen. An die Harpunen hatte ich gedacht, weil ich eine Woche zuvor eine Dokumentation über Hochseefischer gesehen hatte.

Danach hab ich tagelang keinen Fisch mehr sehen können. »Das Geschäft übernehme ich nicht Papa», hab ich einige Jahre später gesagt. Da stand ich schon vor seinem Grab.

»Was ist? Steh nicht da wie ein Betonpflock. Fahr zurück und schau, dass du ins Dorf kommst. Da war doch so eine Wegtafel ein paar Kilometer weiter hinten.»

Jetzt redete Peter nicht wie ein Freund, sondern wie ein Vorgesetzter mit mir. Wie ein Befehlshaber. Kein Wunder, er war Vizeleutnant beim Bundesheer.

Ich steckte mein Handy in die Hosentasche. Es fühlte sich warm an – so wie der Körper des Buben, den ich damals berührt habe. Ganz vorsichtig, als wäre er eine Qualle, die an Land geschwemmt wurde. Dabei wusste ich schon damals, dass es Quallen nur im Meer gab.

Aber er sah so blass aus – fast durchsichtig.

So wie der Bursche, der jetzt neben Peter lag. Ich stieg aufs Fahrrad, drehte mich kurz um – Peters Mund auf dem des Burschen, dann seine Hände auf dem Brustkorb.

Ich war schon ein paar Meter gefahren, da hörte ich »Scheiße … verdammte Scheiße …»

Ich drehte mich nicht um. Fuhr einfach weiter. Trat immer fester in die Pedale. Spürte das Wasser um mich herum, wie meine Füße feucht wurden. Dann tauchte ich unter, zuerst nur bis zu den Knien, dann immer tiefer. Ich war wieder acht Jahre alt.

Irgendwann war ich mit dem Kopf unter Wasser. Da begann ich mich zu erinnern. Der andere Bub war kein Fremder. Ich hatte ihn am Abend zuvor in unserem gemeinsamen Zimmer noch zugedeckt. Er war mir gefolgt. Seinem größeren Bruder. Wollte gemeinsam mit mir baden gehen. Ich rief ihm zu: »Bleib zu Hause, sonst schimpfen Mama und Papa mit dir. Und ich bekomm auch Probleme.»

Aber er wollte nicht hören. Ich beachtete ihn nicht. Dachte, er würde schon fortgehen. Als ich ins Wasser ging, stand er noch am Ufer. Als ich aus dem Wasser wieder rauskam, lag er auf dem Schotter. Sein Asthmagerät in seiner kleinen Hand.

Ausflüge enden manchmal tödlich. Ich sah noch das rote Licht – und ich sah den Wagen von rechts kommen. Von irgendwo her rief jemand »Scheiße ….»

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